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Hier grüßen sich die Leute

Dorfgespräch: 60 Minuten in Klein Nordende

Klein Nordende: Ein Dorf zum Leben mit Kultur und Natur

Angela und Wilfried Hermann beim flotten Spaziergang durch ihr Dorf FOTOS: JANN ROOLFS (5)

Schneller, schneller, immer wei­ter - viel zu oft geht es im Galopp durch das Leben und wir huschen von Termin zu Termin. Unser Autor dann Roolfs macht da nicht mehr mit. Er nimmt sich eine Auszeit - 60 Minuten lang. So lange verweilt er für unsere Serie „Dorfgespräche“ in einem Ort in der Region, trifft interessante Menschen und lässt sich treiben.

Von Jann Roolfs

KLEIN NORDENDE Montag, 17.15 Uhr in Klein Nordende. Das Zentrum des Dorfes zu finden, ist nicht schwer: Schon an der Durchgangs­straße weist ein Schild auf Grundschule, Bürgermeister-Hell-Halle, Waldstadion und Fitnessstudio hin; Feuer­wehrhaus und Bauhof liegen auch hier.

Auf dem Bürgersteig ist ein Mann mit blauer Jacke und schräg getragener Schulterta­sche unterwegs, entspannt und doch dynamischen Schritts. Er findet „nur Gutes an Klein Nordende“, dann erklärt er sein Schwärmen: Adolf Luitjens ist hier Bürger­meister. Er will „zum Gemeindezentrum, mal ein bisschen arbeiten“. Es gibt also noch ein Zentrum in Klein Nordende. Zum Abschied wirbt Luitjens fürs Blutspenden, das organisiert an diesem Nachmittag seine Frau als DRK-Ortsvorsitzende, ebenfalls im Gemeinde-Zentrum. Die Schulstraße folgt einer leichten Linkskur­ve, an der Außenseite steht die Kirche. Trotz ihrer extrava­ganten dreieckigen Form fällt sie erst auf den zweiten Blick ins Auge. Vielleicht liegt es daran, dass sie keinen Turm trägt; der Glockenboden ist in einem Portal untergebracht, die Falltür nach oben ist mit einem Fahrrad-Zahlenschloss gesichert.

Zwei junge Männer stehen auf dem Bürgersteig. Sie sind auf ihren Rädern aus einem Waldweg gekommen, jetzt warten sie. Einer ist mit sei­nem Handy beschäftigt. Der andere heißt Christopher Schenck, wohnt in Elmshorn und ist mit seinem Freund hergekommen wegen des Kunstrasenplatzes beim SV Lieth: „Wir wollen ein biss­chen kicken.“ Früher sei er täglich gekommen, inzwi­schen habe Fußball für ihn an Bedeutung verloren, resü­miert der kräftige Mann.

Angela und Wilfried Her­mann tragen blaue Jacken. „Wir hatten einen Hund, das ist noch drin“, erklärt sie ihren „flotten Schritt“, in dem die Rentner schon seit einer Stunde durch Klein Nordende marschieren. „Der ganze Ort ist toll, alles“, schwärmt Ange­la Herrmann. Ihr Mann ergänzt: „Die Atmosphäre und die Menschen, die hier leben.“ Sie nimmt den Ball auf: „Man wird gegrüßt, auch wenn man die Leute nicht kennt.“ Wieder er: „Und dann schnackt man ein paar Wor­te.“

Angela Herrmann ist in Elmshorn geboren und jetzt überzeugte Dörflerin: „Wir waren gestern wieder in Hamburg - um Gottes Willen!“ Dort fühle sie sich wie ein Ausländer im eigenen Land. Dann bedauert sie noch, dass die Klein Nordender Gast­wirtschaft Tannenbaum seit April geschlossen sei. Zum Osterbrunch habe sie dort schon nicht mehr hingehen können.

Mitten im Ort hat eine Pfer­dewiese die Ausweisung diverser Baugebiete rundum überstanden; die Tiere stehen jetzt zwischen Gärten, einer Straße und einem Wäldchen. Um die Ecke grasen Rinder, auch für sie ist noch Platz im Dorf. Ein Weg im Neubauge­biet heißt „Speelwark Padd“, eine Reminiszenz an die gleichnamige Band, deren Sänger Helmut Hamke aus Klein Nordende kommt.

Andrea Gräfes Heckenschere hilft ihr beim Nachdenken.

Aus einem Vorgarten dringt Klappern. Dort rückt Andrea Grafe ihrem Kirschlorbeer mit einer Heckenschere zu Leibe. Mit einer mechani­schen, die sie von ihrem Vater geerbt hat: „Ich mag das, dann kann ich über verschiedene Sachen nachdenken. Oder auch nicht.“ Heute ist Nach­denken dran, ihre Arbeit geht ihr durch den Kopf. Grafe ist Geschäftsführerin im Elms­horner Kindergarten Dünen­weg, der als Filiale die Kita in Klein Nordende betreibt. Demnächst wird das Haus für drei Wochen schließen, aber dann hat Grafe trotzdem nicht frei: „Dann habe ich eine Sanierung im Kindergarten, da muss ich ab und zu hin.“

Seniorenpaar in Blech.

An der Dorf Straße liegt ein Supermarkt, nebenan resi­diert ein Pflegedienst. In der scharfen Kurve liegt das Töverhuus; den ehemaligen Bauernhof hat Helmut Hamke - der Speelwark-Sänger - in den 1990ern zum Kul­turzentrum umgebaut. „Buut anno 1701 uptakelt 1996“ ver­kündet die Inschrift über der breiten Tür, die früher wohl als Durchfahrt für Wagen diente.

Antje Luitjens, die Frau des Bürgermeisters und DRK- Vorsitzende, steht im Gemeindezentrum am Buffet: „Heute ist Schweden Thema“, erklärt sie. Zur Stärkung nach der Blutspende gibt es unter anderem Hot Dogs und rote Grütze. Weiße Rosen mit roten Schleifen in den Tisch­vasen tragen die DRK-Farben, die gelben Servietten stehen für Schweden. Die zwölf DRK- Frauen im Dorf denken sich zu jedem Termin ein neues Thema für die Verpflegung aus, erzählt Luitjens; zuletzt Suppe und Salat, im Oktober immer bayerisch. Heute er­wartet sie trotz des Sommer­lochs 120 Blutspender.

Die DRK-Ortsvorsitzende Antje Luitjens am schwedischen Buffet für Blutspender.

Luitjens muss mit reduzier­ter Mannschaft auskommen, fünf Mitglieder sind beim DRK ausgefallen. „Aber auch das kriegen wir hin“, sagt die Vorsitzende; drei Frauen machen heute Doppelschich­ten, das heißt, sie sind von halb elf bis halb zehn dabei. Die Belohnung für den Ein­satz ist in Sicht: „In 14 Tagen fahren wir nach Flensburg“.

Elmshorner Nachrichten, 13.07.2019

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