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Auf den Spuren von Mascha Kaleko

KONZERT Sängerin Anna Haentjens und Pianist Sven Seile würdigen in Klein Nordende das Leben der Künstlerin

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KLEIN NORDENDE Man hat Mascha Kaleko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht gsnz: Sie hat deren Ver-spieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz - aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann. Diese Besonderheit ihres Werks zu vermitteln und ihr wechselvolles, von Melancholie überschattetes Leben zu beleuchten, war das Anliegen der Elmshorner Sängerin Anna Haentjens, die sie mit ihrer Veranstaltung im Klein Nordender Töverhuus verband.

Begleitet am Klavier wurde sie vom Pianisten Sven Seile, der außer dem musikalischen Handwerkszeug auch die notwendige Empathie für diese literarisch-musikalische Unternehmung mitbrachte. Die Veranstaltung diente aber auch dazu, die Dichterin, die in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert ist, wieder mehr in den Blick zu rücken. Das ist mit der ausverkauften Veranstaltung sicherlich gelungen. Mit "Wo sich berühren Raum und Zeit" eröffnete das Duo den Abend - ein Gedicht, das ebenso wie das folgende, "Sei still" von leiser Wehmut durchzogen war. Das belegen Zeilen wie "Alles geht vorüber mit der Zeit, es bleibt nur Unbeständigkeit... Es geht an Dir vorüber, bist Du still."

Die sicherlich nicht immer erfreulichen Erfahrungen, die Kaleko in ihrem familiären Umfeld gemacht hat, finden Niederschlag in dem leicht ironischen Gedicht "Verwandtschaft" aus dem "Lyrischen Stenogrammheff (1933). "Verwandtschaft ist stets gottgewollt, vom Himmel Dir geschenkt." Eine Hommage an ihren Ehemann fehlt nicht im Werk der Dichterin. "Die anderen sind das Weite, Du aber bist der Hafen", heißt es in "Für einen", das im "Kleinen Lesebuch für Große" erschienen ist. Zwischen die verschiedenen Musikbeiträge streute Haentjens Informationen über das Leben, den beruflichen Werdegang und das Werk von Mascha Kaleko ein, die am 7. Juni 1907 in Chrzanöw als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter zur Welt kam. Das Verhältnis zur Mutter gestaltete sich problematisch, denn diese bevorzugte ihre jüngere, ruhige Schwester Lea, während sie selbst als aufmüpfig galt. 1914 floh die Familie vor den Progromen nach dem Westen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog die Familie nach Berlin, wo sich Mascha endlich heimisch fühlte. 1928 heiratete sie den Journalisten und Philologen Saul Kaleko.
Ab 1929 veröffentlichte sie Gedichte in Zeitungen, bevor 1933 ihr erstes Buch "Das lyrische Stenogrammheff" im Rowohlt Verlag erschien. Schon 1934 folgte das zweite, "Kleines Lesebuch für Große". Doch schon kurz darauf, 1935, wurde Mascha Kaleko aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und ihre Bücher durften nicht länger verkauft werden.

Im September 1938 wanderte die Dichterin mit ihrem zweiten Ehemann Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn Steven nach New York City aus. 1945 erschien der Band "Verse für Zeitgenossen" in Cambridge, USA, als einer der wenigen Lyrikbände, die damals in den Ver-
einigten Staaten in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. 1956 trat Kaleko ihre erste Deutschlandreise nach dem Krieg an. In diesem Jahr veröffentlichte der Rowohlt Verlag eine Neuauflage des "Lyrischen Stenogrammhefts" im Taschenbuch. 1958 erschienen dort ihre Exilgedichte "Verse für Zeitgenossen" in einer überarbeiteten Ausgabe. 1959 zog das Ehepaar Kaleko-Vinaver nach Jerusalem, wo die Dichterin nie wirklich heimisch wurde. Im Sommer 1974 trat sie ihre letzte Europareise an. Am 21. Januar 1975 verstarb sie in einer Zürcher Klinik. Sie wurde auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg beigesetzt. Siegfried Schilling

aus den Elmshorner Nachrichten vom 06.02.2017

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