Historisches Klein Nordende

Ziegelsteine und ein Geologen-Dorado

Geschichtsträchtiger Boden in Klein Nordende: Die Liether Kalkgrube

KLEIN NORDENDE en-030513-2aWer meint, dass der etwa 3000 Einwohner zählende Ort Klein Nordende nicht viel zu bieten hat, täuscht sich gewaltig, denn die südwestlich von Elmshorn gelegene Gemeinde verfügt im wahrsten Sinne des Wortes über geschichtsträchtigen Boden: Die dortige Liether Kalkgrube gilt seit vielen Jahren unter Fachleuten als eine der interessantesten geowissen-schaftlichen Kostbarkeiten in Norddeutschland. Sie sprechen von ihr sogar als einen „Blick durch ein Fenster in die Erdgeschichte".

Als im Jahre 1844 die Eisenbahnlinie zwischen Altona und Kiel gebaut wurde, kamen an dieser Stelle die Schichten des Perm (die jüngste Periode des Erdaltertums „Paläozoikum" - vor etwa 300 bis 250 Millionen Jahren) zu Tage. Ihre wirtschaftliche Bedeutung wurde schnell - unter anderem durch den Geologen Ludwig Meyn - erkannt und genutzt. Auf dem „Rotenlehm" entstand in den Folgejahren eine Ziegelei, die aus den roten Tonen Ziegelsteine produzierte. Die Fabrikation entwickelte sich gut und boomte später nahezu. In Spitzenjahren wurden bis zu fünf Millionen Ziegelsteine hergestellt. en-030513-2cZahlreiche Gebäude im Kreis Pinneberg wurden mit Ziegeln der Liether Ziegelei gebaut. In Elmshorn gehören unter anderem der Turm der Kirche St. Nikolai, das alte Krankenhaus und der Wasserturm dazu. In der Krückaustadt wurden darüber hinaus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere große Industrieanlagen errichtet, die zu einem großen Teil ebenfalls mit Liether Ziegelsteinen gebaut wurden. Doch damit nicht genug: Beim Tonabbau stieß man auf grauen Zechsteinkalk, der nach 1925 dann ebenfalls gewerblich genutzt wurde. Er diente - entsprechend aufbereitet - dann vor allem der Bodenverbesserung für kalkarme Böden, aber auch als Wegschotter in ganz Schleswig-Holstein. Als in den 60er-Jahren mit dem „Tunnelofen" jedoch eine neue Technologie in der Ziegelfabrikation installiert wurde, bedeutete dies das Aus für die Produktionsstätte in Klein Nordende. Eine entsprechende Investition war für solch ein relativ kleines Unternehmen wie dem Liether Werk einfach zu hoch. 1966 wurde die Fabrikation der Ziegelsteine daher eingestellt. Der Kalkabbau lief jedoch weiter, und durch den stetigen Abbau der Kalkasche entstand nach und nach eine in ihren Ausmaßen beachtliche Grube. Bei der Vertiefung ihrer Sohle im Jahr 1980 stieß man auf den „Gipshut", die Spitze des „Salzstockes Elmshorn".

Gegen Ende des Jahres 1986 war das Vorkommen an Tonen in der Grube dann schließlich nahezu ausgeräumt. Ein weiterer wirtschaftlich sinnvoller Abbau war nicht mehr möglich, der Betrieb wurde gänzlich eingestellt. Die Frage, ob die Ziegelei fortan als Industriedenkmal erhalten werden kann, wurde zwar vielfach diskutiert, führte aber letztendlich zu keinem Ergebnis. Heute stehen nur noch wenige Gebäudereste der alten Anlage.

Mehr Erfolg hatten die Bemühungen der „Gemeinschaft zur Erhaltung von Kulturgut in Tornesch" hinsichtlich des Erhalts der Liether Kalkgrube. Sie wurde 1991 als Naturschutzgebiet (NSG) ausgewiesen und 2006 sogar zum „Nationalen Geotop" ernannt. Seit 1995 ist die Gemeinschaft mit der Betreuung des NSG beauftragt. Somit wird gewährleistet, dass diese erdgeschichtliche Rarität bewahrt wird. Durch den „Elmshorner Salzstock" sind in der Liether Kalkgrube geologische Formationen aus sechs bis acht Kilometer Tiefe an die Erdoberflächegedrückt worden - samt Gesteinen und Fossilien, die auf Grund ihres Alters einmalig in Schleswig-Holstein sind.

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Eine weitere geologische Rarität stellt die „Lieth-Serie" dar: Dabei handelt es sich um eine Schichtenfolge aus dem Quartär, die in einem alten Erdfall erhalten geblieben ist und wertvolle Hinweise auf die Entwicklung dieses Landschaftsraumes gibt. Der ökologische Wert der Grube erhöht sich dadurch, dass auf dem extrem kalkreichen Boden mehr als 140 Pflanzenarten registriert wurden, von denen mehrere zu den gefährdeten Arten zählen.

Im Juni 1992 wurde der geologische Pfad durch die Liether Kalkgrube mit mehreren Info-Tafeln freigegeben. Die Tornescher Kulturgemeinschaft bietet für interessierte Gruppen Führungen durch das Areal an. Ulf Marek

www.nsg-lieth.kulturgemeinschaft-tornesch.de

aus den Elmshorner Nachrichten vom 03.05.2013