Historisches Klein Nordende

Blick in die Erdgeschichte

Die alte Ziegelei konnte nicht als Denkmal erhalten werden - doch die Liether Kalkgrube besitzt als Nationales Geotop überragende Bedeutung

en-230412-s01KLEIN NORDENDE Er empfängt uns mit offenem, freundlichem Lächeln. Das Telefon klingelt. Er führt das Gespräch mit breitem norddeutschen Akzent. Sein Schreibtisch: Ein kunterbuntes Stillleben - viel Arbeitsmaterial, Briefe, Postkarten, eine Vase mit Wappen der Partnerstadt Zempin auf Usedom, eine Schale mit Bonbons, ein Stoffdachs mit roter Zipfelmütze, ein Hase im Klein Nordende-T-Shirt. Er sitzt da, wo er vor mehr als 50 Jahren schon einmal gesessen hat. Doch da war das jetzige Gemeindezentrum Dorfschule. Und Hans-Barthold Schinckel Schüler. Jetzt ist er Bürgermeister.

en-230412-s02Das jetzige Dienstzimmer war damals eigentlich nicht der richtige von zwei Klassenräumen. „Wir wollten den mit Fenster zur Straße raus", sagt Schinckel lachend. „Da fuhr ab und zu mal ein Auto oder ein Lkw vorbei. Das war in den 50er Jahren echt etwas Besonderes." Wahrscheinlich war zum Hinausschauen auch genug Muße. Besonders oft drangenommen von der Lehrerin wurden die Kinder während der Schulstunde nicht. „Ich bin zusammen mit 45 anderen Kindern eingeschult worden", erinnert sich der jetzige Gemeinde-Chef. „30 Jungen und 60 Mädchen."

en-230412-s06Früher hieß der Ort Klein Nordende-Lieth. „Das stand auch auf den Fahrzeugen der Freiwilligen Feuerwehr", weiß Schinckel. Doch heute ist Lieth ein Stadtteil der Nachbarstadt Elmshorn. Dreimal hat Klein Nordende aufgrund der Landesplanung Territorien an die „große Schwester" abgeben müssen. Mal wegen eines erwarteten starken Anwachsens der Bevölkerung, das in der Krückaustadt nie eintrat. Dann wegen der Planung des Elmshorner S-Bahnhofs Süd. „Auf den warten wir heute noch", sagt Schinckel und winkt ab, aber mit dem ihm eigenen humorvollen Lächeln. Ihn freut die Bezeichnung, die irgendjemand einmal für Klein Nordende erfand: das Blankenese Elmshorns. „Hört man dort nicht unbedingt gern", sagt Schinckel.

en-230412-s05Der Vergleich mit Blankenese - damit ist wohl die Beschaulichkeit in Klein Nordende gemeint, die Ruhe, die landschaftliche Schönheit. Das Liether Moor, ein v. 10000 Jahren entstandenes einst riesiges Hochmoor, ist heute immerhin ein noch 100 Hektar großes, in größten Teilen landwirtschaftlich ungenutztes Paradies mit vielen idyllischen Ecken.

en-230412-s08„Die Vorstellung von Klein Nordende als Wohngemeinde ist vorherrschend, Gewerbe anzusiedeln war eher nicht so der Gedanke", erklärt Schinckel. Dabei waren auf dem Gemeindegebiet lange zwei landesweit bekannte Unternehmen ansässig: Die Ziegelei Lieth auf dem Roten Lehm und die Liether Kalkwerke. „Beim Bau der Eisenbahn Altona-Kiel wurden 1844 rote Tone angeschnitten, die erdgeschichtlich dem Perm zuzuordnen sind, ein Alter von 250 bis 275 Millionen Jahre aufweisen und normalerweise in Schleswig-Holstein in Tiefen von 3000 bis 5000 Metern lagern", berichtet Hans Joachim Wohlen-berg von der Tornescher Kulturgemeinschaft. Er ist Experte für die Geschichte der Ziegelei und der Kalkwerke -und für die Liether Kalkgrube, die ihre Entstehung diesen Unternehmen verdankt: „Große Industrieanlagen - wie in dem fünf Kilometer entfernt liegenden Elmshorn - wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts förmlich aus dem Boden gestampft. Ziegelsteine waren für den Bau dieser Fabriken der vorherrschende Baustoff."

en-230412-s04In der Liether Ziegelei produzierten die Arbeiter in Spitzenjahren bis zu fünf Millionen Ziegelsteine. „Viele Gebäude im Kreis Pinneberg sind aus Ziegeln der Liether Ziegelei entstanden", berichtet Wohlenberg. „In Elmshorn unter anderem der Kirchturm von St. Nikolai, der Wasserturm, das alte Krankenhaus und die Schule an der Schulstraße." Beim Tonabbau stießen die Arbeiter dann auch auf grauen Zechsteinkalk, der seit 1925 ebenfalls abgebaut wurde. „Als Dünger für die Landwirtschaft und als Wegschotter fand er Verwendung in ganz Schleswig-Holstein", berichtet Wohlenberg.

In den 1960er Jahren hielt mit dem Tunnelofen wieder einmal eine neue Technologie in der Ziegelsteinherstellung Einzug. Für ein Unternehmen in der Größe des Liether Werks war diese Investition zu hoch. 1966 wurde die Produktion eingestellt. 21 Jahre später wurde wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit auch der Abbau des Kalks beendet.

en-230412-s07en-230412-s09Diskussionen um einen Erhalt der Ziegelei als Industriedenkmal führten zu keinem Ergebnis. Die heute übrig gebliebenen Gebäudereste und Ruinen lassen die einstige Größe des Betriebs kaum ahnen.

Infolge von Bemühungen vor allem der Tornescher Kulturgemeinschaft wurde die Liether Kalkgrube 1991 als Naturschutzgebiet ausgewiesen und 2006 zum Nationalen Geotop erklärt. Durch das Aufdringen eines Salzstocks im Erduntergrund sind dort Erdformationen an die Oberfläche gelangt, die sonst in sechs bis acht Kilometern Tiefe liegen. Die Kalkgrube bietet somit einen Blick in die Erdgeschichte. Sie ist zudem Biotop für seltene Pflanzen- und gefährdete Tierarten. Berthold Wagner

 

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Sonderbeilage der Elmshorner Nachrichten vom 23.04.2012

Bilder: WAGNER (6), KULTURGEMEINSCHAFT TORNESCH (3)