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Ein Loch verhalf unserer Region zu Weltruhm

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KLEIN NORDENDE Den Preußen verdankt Klein Nordende einen Weltrekord, der heute fast in Vergessenheit geraten ist. Im 19. Jahrhundert ließen sie in Lieth, inzwischen Ortsteil des Elmshorner Nachbardorfes, das tiefste Loch der Welt bohren.

1338 Meter ging es auf der Suche nach Steinkohle in die Erde. Damit dieser Weltrekord nicht in Vergessenheit gerät, erinnert inzwischen ein Stein an diese historische Tiefbohrung.

Ein Loch machte Lieth einst weltberühmt

TIEFBOHR-WELTREKORD Gastautor Professor Roland Vinx berichtet, wie in Elmshorns Nachbardorf im 19. Jahrhundert nach Steinkohle gesucht wurde

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KLEIN NORDENDE Mit der Liether Kalkgrube besitzt die Gemeinde Klein Nordende eines der bedeutendsten geologischen Naturdenkmäler nicht nur Schleswig-Holsteins, sondern auch des gesamten Norddeutschen Tieflands. Damit aber nicht genug. Knapp 200 Meter nördlich der Liether Kalkgrube liegt eine Bohrstelle verborgen, die für die Geschichte der Geologie und der Tiefbohrtechnik von großer Wichtigkeit ist. Erst seit kurzem weist neben einem schon länger existierenden Erinnerungsstein auch eine Infotafel auf die besondere technische Leistung und die geologische Bedeutung hin. Die Tafel und der Stein stehen unmittelbar am 1,8 Kilometer langen Rundweg, der um die Liether Kalkgrube herumführt. Die Bohrstelle selbst liegt unter Ackerland und ist nicht erkennbar.

Teil der preußischen Tiefbohraktivitäten

Das Königreich Preußen ließ seit 1865 regelmäßig staatlich finanzierte Tiefbohrungen durchfuhren. Die Tiefbohrung Lieth, wie sie in der geologischen und technischen Fachliteratur heißt, steht in einer Reihe von vier aufeinander folgenden Tiefbohrweltrekorden, die alle im damaligen Staat Preußen unter Leitung des Oberbergrats Carl Köbrich (1843-1898) erzielt worden waren. Preußen gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den führenden Ländern in der Entwicklung der Tiefbohrtechnik. Die vier Rekordbohrungen sind: Sperenberg (Land-kreis Teltow-Fläming, Brandenburg): 1867 bis 1871, 1271,6 Meter Endtiefe; Lieth: 1872 bis 1878, 1338 Meter Endtiefe; Schladebach (heute Ortsteil der Stadt Leuna, Saalekreis, Sachsen-Anhalt): 1880 bis 1886, 1748,4 Meter Endtiefe; Paruschowitz (Paruszowiec, ehemals preußischer Landkreis Rybnik, Oberschlesien): 1892 bis 1893, 2003 Meter Endtiefe.

Natürlich ging es bei den aufwändigen und teuren Bohrungen nicht um das Erzielen von Weltrekorden. Sie alle dienten der geologischen Grundlagenforschung und der Rohstofferkundung. In Sperenberg wurde Salz erwartet, das dann tatsächlich ab 90 Meter Tiefe durchgehend bis zur Endtiefe ange-trolfen wurde. In Lieth erfüllte sich eine nach damaligem geologischem Kenntnisstand plausibel erscheinende Aussicht auf Steinkohle nicht. Auch in Schladebach wurde die Hoffnung auf abbauwürdige Steinkohle enttäuscht. In Paruschowitz, im oberschlesischen Kohlerevier, wurde hingegen erwartungsgemäß eine Abfolge von Steinkohleflözen angetroffen.

Die Technik für die vier aufeinander folgenden Tief-bohr-Weltrekorde stammte von der preußischen fiskalischen Zentralbohrschmiede in Schönebeck/Elbe im heutigen Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Die Zentralbohrschmiede war dort entstanden, weil es in Schönebeck und Umgebung einen großen Bedarf für Bohrungen in den Untergrund gab. Die Bohrungen dienten der Gewinnungvon Salzsole. Heute erinnert noch ein Gradierwerk im Schönebecker Stadtteil Bad Salzelmen an die historische Gewinnung von Salz aus Salzsole und damit an dieselbe Institution, die auch die Technik für die Tiefbohrung Lieth bereitgestellt hatte.

Ziel der Bohrung von Lieth

en 250817cDie Hoffnung auf Steinkohle in erreichbarer Tiefe im Liether Untergrund gründete auf das Vorkommen roter, toniger, zum Teil auch feinsandiger Gesteine an der Erdoberfläche. Diese wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts an der Lokalität Roter Lehm zur Ziegelherstellung abgebaut. Nach einem Bericht des Holsteiner Agrarwissenschaftlers und Geologen Ludwig Meyn (1820-1878) aus dem Jahr 1857 hatten einige Bergleute bei den Behörden der Grafschaft Rantzau die Erlaubnis zur „Nachsuchung von Steinkohlen“ beantragt. Bald danach wurde beim Wirtshaus Grauer Esel eine mindestens 50 Meter tiefe Bohrung betrieben. Sie erbrachte roten Ton, jedoch keine Kohle. Nachdem Ludwig Meyn Ende der 1850er Jahre den roten Ton zunächst noch in das Erdzeitalter Trias gestellt hatte, war es später sein Verdienst, ihn als Ablagerung aus dem Erdzeitalter Perm richtig eingestuft zu haben. Weil das Perm in der Abfolge der Erdzeitalter und damit normalerweise auch der Erdschichten auf das Karbon folgt, durfte nun in Lieth in nicht zu großer Tiefe doch mit einiger Berechtigung Kohle erhofft werden. Die direkt unter dem Perm liegenden Schichten des Oberkarbon sind häufig kohleführend.

Daher war es nach damaligem Kenntnisstand sinnvoll, durch eine tiefe Bohrung den Untergrund auf das mögliche Vorkommen von Steinkohle zu untersuchen. Im Falle eines Erfolgs wäre das Gebiet zwischen Elmshorn und Tornesch ein Bergbau- und Industriegebiet geworden.

Die Tiefbohrung Lieth verlief völlig anders als erhofft. Dies lag letztlich daran, dass die Existenz von Salzstöcken noch unbekannt war. Das rote, permische Gestein bildete nicht die erwartete, flache Überdeckung auf Karbonschichten. Stattdessen war die Bohrung mitten auf einer aus großer Tiefe aufragenden Aufbeulung aus Salz und salzdurchsetztem Ton angesetzt, auf einem Salzstock. Statt Kohle traf die Bohrung daher bis zur Endtiefe durchgehend salzführendc Gesteine und massives Salz an. Mehrfach quoll Salzlauge aus dem Bohrloch, ln 1338 Meter Tiefe war die Basis des Salzstocks noch lange nicht er-reicht. Selbst auf weiteren 400 Metern Bohrstrecke hätte sich nichts Wesentliches geändert. Nur einmal enthielt das Bohrgut Kohlebrocken. Schnell kam jedoch heraus, dass Witzbolde einen Streich gespielt hatten. Sie hatten Kohle in das Bohrloch geworfen.

Besondere Bedeutung für die Geologie

Es ist lange bekannt, dass in tiefen Höhlen und Bergwerken die Gesteinstemperatur mit der Tiefe zunimmt. Aber nur tiefe Bohrlöcher bieten die Möglichkeit systematischer und präziser Temperaturmessungen mit der Tiefenzunahmc. Dies geschah erstmals in der Tiefbohrung Sperenberg. Durch Bohrloch-Temperaturmessungen in Lieth wurden die Sperenberger Ergebnisse bestätigt. Erst dadurch wurde gezeigt, dass das Ausmaß der Temperaturzunahme mit der Tiefe recht einheitlich ist (geothermische Tiefenstufe). So nimmt in Lieth in den tiefsten 500 Bohrmetern die Temperatur um durchschnittlich 3,4 Grad Celsius pro 100 Meter zu. In 1265 Meter Tiefe wurde eine Temperatur von 47,5 Grad Celsius gemessen. Die maßgeblich durch die Messungen in den Bohrlöchern Sperenberg und Lieth ermittelte geothermische Tiefenstufe gehört heute zum Grundbestand des Wissens über die Erde.

Parallelprojekt in Stade

Eine 1872 zeitgleich mit der Tiefbohrung Lieth unternommene, seichtere Bohrung auf dem Salzstock Stade war anders als die viel aufwändigere Bohrung Lieth hinsichtlich des angestrebten Bohrziels (Salz) erfolgreich. Dies lässt sich als „Ungerechtigkeit“ ansehen,denn in Stade war der gleiche rote Ton wie in Lieth in einem weitgehend baugleichen Salzstock wie in Lieth noch 1872 fälschlich als Oberer Buntsandstein (Untertrias) eingestuft worden. Auf Salz wurde gehofft, weil der Obere Buntsandstein in Norddeutschland tatsächlich oft Salz enthält. Trotz der falschen geologischen Einstufung des roten Tongesteins hatte das Stader Bohrprojekt im Gegensatz zu dem von Lieth den erwünschten Erfolg. Ohne es zu wissen war in einen Salzstock hineingebohrt worden. Das Stader Salz, das wie das von Lieth dem Perm und nicht dem Buntsandstein angehört, war Grundlage der Entstehung der 130 Jahre lang bis 2003 betriebenen Stader Saline. Hier hat ein falscher geologischer Befund zum gewünschten Ergebnis geführt. Spätere Bohrungen der Stader Saline auch in Lieth führten nicht zur Begründung einer Salzindustrie.

Bitte an die Leser unserer Zeitung

Trotz intensiver Fahndung konnten bisher weder ein Foto noch eine Zeichnung von der Liether Tiefbohrung ermittelt werden. Es ist zu hoffen, dass solche Fotos oder Zeichnungen noch existieren. Wenn Sie solch ein Foto oder eine Zeichnung besitzen, wäre der Autor dieses Beitrags dankbar, eine Kopie anfertigen zu dürfen. Auch von der in Lieth eingesetzten Bohranlage an ihrem ersten Einsatzort Sperenberg konnte trotz intensiver Bemühungen kein authentisches Bildmaterial aufgefunden werden. Die Re daktion stellt gern den Kontakt zum Autoren her. Melden Sie sich per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Roland Vinx (Der Gastautor ist Professor für Mineralogie und Diplom-Geologe.)

 

INFO BOHRTECHNIK UND BOHRVERFAHREN

en 250817dDer in Lieth eingesetzte Bohrturm, die gesamte Bohrausrüstung und die Antriebs-Dampfmaschine wurden von der Bohrung Sperenberg übernommen. Als Bohrverfahren wurde ein damals noch übliches Verfahren angewandt. Das Bohrgut wurde dabei von einem Fallmeißel an der Bohrlochsohle zerkleinert, mit einer Löffeleinrichtung geborgen und nach oben befördert. Bis in 369 Meter Tiefe wurde das Bohrloch verrohrt. An der Bohrstelle arbeiteten durchgehend in zwölfstündigen Schichten je sechs Arbeiter. Die Förder-Dampfmaschine hatte eine Leistung von 50 PS.

Das Meißelwerkzeug hatte ein Fallgewicht von 350 Kilogramm. Die Kosten der Bohrung waren in Mark:
Löhne: 93878;
Brennmaterial: 77 518;
Betriebsmaterial: 9200;
Betriebswerkzeuge und Vorrichtungen: 75480.
Gesamtsumme: 256076 Mark. Das entspricht etwa zwei Millionen Euro.

aus den Elmshorner Nachrichten vom 25.08.2017