Dicke Brocken und viel Sand

FOLGE 2 Mit dem Wechsel aus Eis- und Wärmezeiten entsteht aus einem einstigen Meer das heutige Schleswig-Holstein

en 260717 2a

KLEIN NORDENDE Entstanden aus Schutt und Sanden: So muss man den Kreis Pinneberg bezeichnen. Ursprünglich gab es Schleswig-Holstein überhaupt nicht. Ein großes Meer bedeckte unsere nördlichen Breiten auch zwischen der heutigen Nord- und Ostsee, und in unserem Kreis zog sich eine langgestreckte Insel in nordwestliche Richtung. Diese ist noch immer vorhanden, wenn auch durch jüngere Schichten abgedeckt und tritt in Klein Nordendes Kalkgrube zu Tage.

Auch heute noch wandert der magnetische Nordpol ständig an andere Orte, und die Erde schwankt in ihrem Drehungswinkel, sodass wir auch in Zukunft mit fundamentalen Klimaänderungen rechnen müssen. Vor mehr als 250000 Jahren stand der Raum nördlich der Elbe lange Zeit im zur Sonne ungünstigen Winkel. Gigantische Eismassen bildeten sich erstmals nachweislich im nordischen Bereich und drangen gen Süden, bedeckten möglicherweise zum ersten Mal ganz Nordcuropa in einer Mächtigkeit von mehreren Kilometern. Was immer Land war, wurde durch die schweren Massen niedergedrückt, einschliesslich Norwegens Gebirge. Es war die Elster-Eiszeit, die mit Gewissheit als drittletzte Kälteperiode Tausende von Jahren jedes Leben verdrängte, ehe sie von einer Warmzeit abgelöst wurde, ohne jedoch bewohnbares Land zu hinterlassen.

Mit dem Eis-Rückzug entstanden Urstromtäler

Ein erneuter Kälteschub folgte mit der Saale-Eiszeit, die für wesentliche Landschaftsveränderungen im norddeutschen Raum verantwortlich war und auch den gesamten Bereich, in dem heute der Kreis Pinneberg liegt, mit einer gewaltigen Eisschicht bedeckte. 75 000 Jahre dauerte diese Zeit, während der gigantische Massen an gepresstem Eis, vergleichbar mit Grönland, auf dem zusammenhängenden Bereich der Nord- und Ostsee lastete und große Mengen an Sanden und Schotter mit sich brachte, was bis vor 150 000 Jahren anhielt.

Beim Rückzug der Saale-Eiszeit wurden riesige Gletscher an den abschmelzenden Randgebieten gebildet, Rinnsale bildeten große Flüsse, die sogenannten Urstromtäler, die zur Nordsee hin entwässerten. Große Mengen an Sanden wurden herangeblasen und füllten Senken oder häuften sich zu hohen Dünen auf. Selbst auf dem Eis wurde in Tausenden von Jahren eine Sandschicht aufgehäuft, die nach dem kompletten Abschmelzen auf den aufgeriebenen zerschlissenen Boden sank. Jedes Jahr sind die eiszeitlichen Geschiebe etwa 30 Zentimeter voran gekommen. Nur langsam bildete sich eine erste Vegetation aus Moosen und Flechten, erste Humusse entstanden, worauf schliesslich bei günstigen Verhältnissen Zwergbirken und Weiden erste niedrige Waldungen bilden konnten.

Noch heute gibt es bei Holm Wanderdünen

Für den Kreis Pinneberg ist vor allem interessant, dass wir heute auf saaleeiszeitlichem Boden leben, da das 45000 Jahre später folgende Weichsel-Glazial nur noch Ostholstein erreichte. Das heißt, dass auch die großen Säugetiere am Eisrand und dem gesamten Kreis Pinneberger Gebiet zumindest im Sommerhalbjahr nördlich der Elbe die Landschaft besiedelten. Vor allem die Geestbereiche wurden von einer Eiszcitflora und Fauna bedeckt, die als Moränen oder sogenannte Holme auch teils weit in die Marsch hincinragtcn. Ortsnamen wie beispielsweise Holm, Uetersen (Ueterst End), Klostersande oder Horst weisen auf solche Halbinseln hin. Noch heute gibt es in den Hol-mer Sandbergen Wanderdünen. Dünenlandschaften findet man besonders auch im Liether Stadtpark bei Elmshorn, deren Form Ausblasungstäler sind, geformt von den zumeist westlichen Winden.

Tausende von Jahren transportierte das Eis wahrlich gigantische Geröllmassen aus Skandinavien, wo sich der 3000 Meter dicke Kem der Eiszeit befand, in die Region und häufte cs zwischen Nord-und Ostsee an, was zur Bildung von Schleswig-Holstein führte. Auch im Kreis Pinneberg leben wir auf skandinavischem Boden. Besonders beeindrucken die oftmals gewaltigen Findlinge, riesige Felsblöcke verschiedener Gesteinsarten, die den östlichen Kreis auf der Geest vielfältig bedecken, soweit man sie noch nicht zerschlagen und verarbeitet oder weggeschafft hat. Ob der „Alte Schwede“ in Ovelgönne oder der Findling in Weddelbrook: Beide imponieren durch ihre Größe.

Interessant ist auch eine Rinne von der Geest herab ins Liether Moor hinein, die völlig mit Findlingen aller Größenordnungen aufgefüllt ist und dicht unter der Grasnarbe verläuft. Auf dem Eis herbeigetragen und schließlich von Schmelzwassermasscn angespült, stauten sie sich in einer Abflussrinne, direkt an einem ehemaligen See, der sich langsam in ein Moor verwandelte. Wer sich jedoch genauer mit den verschiedenen Findlingen auseinander setzen möchte, sollte es in der Liether Kalkgrube tun, wo sich auch ein Findlingsgarten befindet, Funde aus der Elbe, die nun hier in interessanten Exemplaren ausgestellt sind. Eine Schautafel mit Erklärungstext veranschaulicht, welchen Weg der jeweilige Gesteinsblock zurückgelegt hat. Sind sie identisch mit einem bestimmten Felsgebiet in Schweden, so stammen sie aus jener nordischen Gegend und sind über die Ostsee geschlittert, ehe sie im Urstromtal der Elbe das Ende ihrer Reise erreichten.

Der Fluss war damals außerordentlich breit und reichte bis unmittelbar an die Geest. Fährt man von Wedel über Uetersen nach Elmshorn, so kommt man ständig den Hang entlang, der den Übergang zwischen Marsch und Geest bildet. In Jahrtausenden lagerten die Elbwässer unterschiedliche Sande ab, mitgebracht vom Oberlauf im Landinneren, heran gespült von Schmelzwasserströmen der nahen Gletscher oder durch Ebbe und Flut vermischt. Imposant ist auch der hohe Elbhang, eine Moräne, die bei Schulau beginnt, sich bis tief nach Hamburg hinein zieht und bei Bergedorf noch weiter gen Osten führt.

Die Eismauer zog nach Skandinavien zurück

Die bisher letzte Eiszeit des Weichselglazials endete vor etwa 10000 Jahren nach einer Dauer von 50000 Jahren. Sie hinterließ eine erheblich veränderte und neu gestaltete Landschaft in die Tiere und Menschen, Pflanzen und Bäume einwanderten und sich langsam immer weiter nach Norden ausbreiteten.

Zugwege von Säugetieren und Vögeln, ja selbst von Insekten, bildeten sich neu und passten sich perfekt den sich verändernden Verhältnissen an. Trotzdem starben manche aus, die ein wärmer werdendes Klima nicht überlebten. Man denke an Mammute und Wollnashömer, die ausgerechnet auf der sibirischen Wrangel-Insel noch bis vor 5000 Jahre isoliert lebten. Aber wie soll man sich gar das Verschwinden des Säbelzahntigers erklären?

Die Eismauer zog sich zurück zur Ostsee und weiter nach Skandinavien. Der Weg für eine zunehmende Besiedlung war frei. Steinzeitjäger waren die ersten Menschen, die kamen, während woanders längst die Bronzezeit Einzug gehalten hat.

Armin Püttger'den Conrad, BIOLOGE

en 260717 2b

en 260717 2c

aus den Elmshorner Nachrichten vom 26.07.2017