Das weiße Gold in Klein Nordende

BLICKPUNKT Spargelzeit in Klein Nordende - bei Slowiks im „Tannenbaum“ bleibt alles in der Familie

SPARGEL Sie ist die letzte Spargelbäuerin in Klein Nordende - und ausgebildete Köchin / Bei Nadine Slowik gibt es alles aus einer Hand

en 190417a

KLEIN NORDENDE Es ist früh und ungemütlich. Doch Nadine Slowik trotzt Nieselregen und steifer Brise, denn jetzt beginnt ihre monatelange Arbeit Früchte zu tragen. Und diese Früchte wollen geerntet werden. 3000 Spargelpflanzen des berühmten Liether Spargels nennt die letzte Spargelbäuerin aus Klein Nordende ihr Eigen. Nach einem warmen März sprießen die Pflanzen dieses Jahr besonders früh. Noch sind es wenige Köpfchen, die von unten gegen die Planen stoßen, die die hügeligen Rillen des Feldes abdecken.

Im Sommer werden es dann immer mehr: Desto heißer und feuchter es wird unter der Plane, desto rascher sprießt der Spargel. In der Hochsaison wächst er bis zu zehn Zentimetern am Tag: Dann kommt Nadine Slowak mit ihrem kleinen drei Frauen-Team kaum noch hinterher: Sie, ihre Mutter und die einzige Mitarbeiterin Jessica Strelow stechen dann bis zu 2800 Spargelstangen am Tag. Der wird sofort gewaschen, sortiert, geschält und abends ganz frisch den Gästen im hauseigenen Restaurant und Hotel, dem „Tannenbaum“ am Sandweg in Klein Nordende, serviert.
Als gelernte Köchin weiß Nadine Slowik ihren eigenen Spargel auch zuzubereiten.
Dieses urige Alles-aus-einer-Hand-Konzept hat Tradition. Der Familienbetrieb wurde 1931 von den Großeltern gegründet und besteht bis heute.

en 190417bLangfristig ist auch die Planung und Aufzucht der Spargelpflanzen. Wenn der Spargel auf das Feld gesetzt wird, ist die Pflanze bereits ein Jahr alt. Ein weiteres Jahr braucht sie, bis sie den ersten Spargel produziert, bis dahin produziert sie nur eines: Arbeit für ihren Bauern. Sie wächst bis zu einer einen Meter hohen Grünpflanze heran. Nach ihrem ersten Sommer wird das Gewächs abgeschnitten. Die typischen Hügel werden locker darauf getürmt und dadurch schiebt sich im April ein Jahr nach der Pflanzung das erste Köpfchen. Aber die Jungpflanze muss noch geschont werden. „Im ersten Jahr wird nur zwei Wochen lang Spargel gestochen, dann ist Schluss“, sagt Slowik.

Der zarte Spross müsse sich davon erholen. Erst im dritten Jahr ist sie stark genug, bis zum 24. Juni, dem Ende der Spargelsaison, „durchgestochen“ zu werden. Dann brauchen auch die gestandenen Gewächse eine Schonzeit bis zum nächsten Jahr.

Nadine Slowik lässt ihren Pflanzen nicht nur Ruhe, sondern auch Platz: Sie setzt pro Meter nur drei Spargelpflanzen. In der Massenproduktion sind es acht. Deswegen sind Slowiks Gewächse auch zehn bis zwölf Jahre fruchtbar, in der industriellen Produktion sind es nur sechs. „Am Ende wird der Spargel immer dünner, daran merkt man, wenn die Luft raus ist“, erläutert Slowik.

Wenn die Pflanzen einmal ausgedient haben, ist auch der Boden verbraucht. Bis dort wieder Spargel wachsen kann, vergehen 30 Jahre. Deswegen wandern die zwei Felder Slowiks auf ihrem großen Gelände mit jeder Pflanzengeneration. „In 100 Jahren kann ein Feld höchstens drei Mal bepflanzt werden“, berichtet sie.

Die Handarbeit in der Spargelzucht ist hart. „Aber wenn ich morgens im Sonnenaufgang bei gutem Wetter meinen Spargel steche und die Enten kommen vorbei, dann ist es richtig idyllisch“, berichtet sie.

Nach Landidyll klingen auch die Erntedankfeste am Ende der Saison, bei denen alle Helfer zusammen feiern. Slowik schmunzelt: „Dann gibt’s immer ’n Lütt’n“, sagt sie. Und eine Spargelprinzessin werde gekürt, jemand der besonders hilfreich war. Das kann auch mal ein Mann sein: „Also mein Vater war schon Spargelprinzessin“, sagt Slowik grinsend. „Dafür gab es ein dann auch ein Krönchen und den goldenen Spargel.“ Janina Schmidt

 

Spargelinfo

Wussten sie eigentlich...

... dass Spargel ein schamhaftes Gemüse ist?

Wenn der Spargel der Sonne ausgesetzt ist, errötet er buchstäblich. Oder besser: Er wird lila. Das sieht ungewohnt aus, verändert aber den Geschmack nicht.

... dass Spargel dem Bambus vorsichtig Konkurrenz macht?

Bambus kann bis zu einen Meter am Tagwachsenund hält damit den Weltrekord. Bei optimalen Bedingungen, nämlich feuchter Wärme, wächst jedoch auch der Spargel bis zu 10 cm täglich und muss sich damit vor dem Bambus nicht verstecken. Aber er versteckt sich ohnehin nicht, sondern strebt danach, sein Köpfchen keck aus dem Erdreich zu schieben. Um dann schamhaft lila zu werden?

... wozu die schwarze Plastikplane auf dem Feld dient?

Damit der Spargel nicht lila werden muss, wenn er den Kopf ans Licht streckt. Und sie hat einen Treibhauseffekt - darunter wird es kuschelig warm und feucht. So kann man den Spargel früher ernten, oft schon Anfang April und nicht erst im Mai. Und gegen Unkraut hilft sie auch.

... dass der ärgste Feind des Spargels ein Hähnchen ist?

Und zwar das gemeine Spargelhähnchen: Crioce-ris asparagi. en 190417cDas dreht sich aber nicht im Grill, um gefressen zu werden, sondern krabbelt auf dem Spargelkraut, um selbst zu fressen: Es handelt sich um einen bis zu sieben Millimeter langen Käfer. Neben dem Hähnchen kämpfen Landwirte auch gegen die Spargelfliege, aber das klingt weniger unterhaltsam.

...wie der Spargel blüht?

Ach, sie wussten nicht einmal, dass er überhaupt blüht? Kein Wunder: Die Spargelblüte ist klein, hellgelb und fällt in dem üppig grünen Kraut, das bis zu einem Meter hoch sprießt, kaum auf. Daraus wird eine kleine, rote Frucht.

...dass man Spargel essen kann?

Ja, das wussten Sie. Aber nicht nur mit Sauce Hol-landaise oder Butter und Speck, sondern auch als feinen Salat mit Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Essig und Olivenöl. Spargel mal anders!    ina

 

Spargelstechen: Auswirkung des Mindestlohns

Georg Kleinwort ist Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Pinneberg. Den Mindestlohn in der Landwirtschaft sieht er in seiner aktuellen Umsetzung kritisch

ELMSHORN Der Betrieb „zum Tannenbaum“ in Klein Nordende ist ein ganz besonderes Modell, in dem die Familie selbst den Spargel zieht und sticht, den sie im eigenen Restaurant serviert. Die große Spargelproduktion sieht aber anders aus. Jahrzehntelang war das Spargelstechen ein Symbol für schlechtbezahlte Saisonarbeit für meist polnische Schwarzarbeiter.

en 190417dWie hat sich das seit der Einführung des Mindestlohns verändert? Wir befragten dazu Georg Kleinwort (Foto), Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Pinneberg.

Herr Kleinwort, wer sticht momentan den Spargel?
Es sind immer noch überwiegend Arbeiter aus Rumänien oder Polen. Das betrifft alle Sonderkulturen, zu denen auch der Spargel zählt - besonders arbeitsintensive Bereiche, bei denen viel Handarbeit gefordert ist.

Sind das Schwarzarbeiter?
Nein, der Zoll kontrolliert das relativ engmaschig und führt stichprobenartige Kontrollen durch, gerade auch hier in der Haseldorfer Marsch. Die Betriebe stellen die Arbeiter offiziell als Saisonarbeiter ein.

Da stellt sich die Frage nach dem Mindestlohn. Wie wirkt der sich auf die Situation in der Spargelproduktion aus?
Das ist sehr schwierig. Wir hatten dadurch innerhalb von zwei Jahren bei den Sonderkulturen einen Lohnanstieg von 25 Prozent. Wie sollen wir das auffangen? Am Ende kostet der Spargel nicht viel mehr. Spargel der Güteklasse eins aus Italien, Spanien, Ungarn und Rumänien liegt ungefähr bei 3,50 Euro pro Kilo. In Deutschland müsste er mit all den Auflagen eigentlich bei sieben Euro liegen. Unsere Spargelpreise sind aber nicht gestiegen, ich habe sogar das Gefühl, dass wir noch günstiger geworden sind. Das gräbt unserer Landwirtschaft das Wasser ab. Und es sind zuerst kleine Betriebe, die es trifft -obwohl die Kleinbetriebe ja eigentlich gefördert werden sollen. Ich finde den Mindestlohn grundsätzlich richtig, die Arbeiter sollen ja bezahlt werden. Aber wenn die Politik das will, dann muss sie auch die Konsequenz ziehen.

Das klingt, als seien Sie wütend. Welche Konsequenzen meinen Sie?
Ich sehe es als eine Doppelmoral der Politik. Wenn man eine Norm einführt, wie einen Mindestlohn, und im Prinzip gute Auflagen hier einführt, müsste man aus dem Ausland nur Produkte importieren, die auch diesen Auflagen genügen. Nicht nur beim Spargel oder Gemüseanbau. Was Renate Künast sich erlaubt hat, ist ein Witz. Käfighaltung zu verbieten ist sicher gut, aber dann Eier aus Käfighaltung aus dem Ausland zu importieren geht nicht.

Aber die Landwirte machen nur einen Bevölkerungsanteil von zwei Prozent aus. Unsere Interessengemeinschaft ist nicht stark genug, um das durchzusetzen. Die Entwicklung wird noch spannend in den nächsten Jahren. ina

aus den Elmshorner Nachrichten vom 19.04.2017